Eine Frage der Sprache und der Konfession
Trachten im Kanton Freiburg
Zeichnung: Marie-Thérèse Daniëls
Französisch oder deutsch, katholisch oder reformiert: Je nachdem variieren unsere Trachten. Schön sind sie alle! Und die Chränzlitracht ist sogar berühmt
Die Geschichte der Freiburger Trachten ist einerseits von sprachlichen und anderseits von konfessionellen Gegebenheiten geprägt. Quer durch das Freiburgerland zieht sich die deutsch-französische Sprachgrenze. Der weitaus grösste Teil der französischsprechenden Gegenden sowie das deutschsprachige Sensegebiet sind katholisch – das deutschsprachige Murtenbiet und der französischsprechende Wistenlach (Vully) dagegen sind reformiert.
Nach 1725 gingen die Kleidermoden in den beiden katholischen Kantonsteilen unterschiedliche Wege. Archaische Bestandteile aus dem Mittelalter und der Renaissance prägen Deutschfreiburg und verleihen den Senslerinnen ein würdig-ernstes, man möchte sagen hieratisches Aussehen.
Im Gegensatz dazu haben die Welsch-Freiburgerinnen im Laufe des 17. Jahrhunderts viele Bestandteile der damals traditionellen Kleidung aufgegeben: Sie orientierten sich mehr und mehr nach den Moden in den welschen Nachbarkantonen und in Frankreich.
In diesem Sinne können heute die Freiburger Trachten in ihrem Ursprung nicht einfach einer bestimmten Zeitspanne zugewiesen werden. Vielmehr ist jede einzelne Tracht die Summe verschiedener Einflüsse aus Zeitepochen, geografischem Raum und Wesensart. Dabei können Bestandteile ein- und derselben Tracht in ihrer Herkunft Jahrhunderte auseinanderliegen. Das ist bei der Chränzlitracht besonders ausgeprägt zu sehen.
Als unverkennbare Freiburger Trachten sind die Chränzlitracht (Düdingen, Heitenried, Tafers) und der Bredzon (Greyerzer Sennentracht) zu nennen. Die Chränzlitracht ist die älteste Sensler Tracht und zweifelsohne ein Paradestück in der Vielfalt der Schweizer Frauen-Trachten. Ihren Namen verdankt sie dem glitzernden Chränzli auf dem Kopf, dessen Ursprung als Jungfern- oder Brautkrone bis ins 15. Jahrhundert reicht. Auch hat diese Tracht kein Göller, sondern eine Krös genannte Halskrause, deren Herkunft bis 16. Jahrhundert reicht. Ursprünglich war die Chränzlitracht die festtägliche Volkstracht der Töchter. Da aber die Festtage wesentlich von der Kirche bestimmt waren, wurde diese Tracht fast nur bei kirchlichen Anlässen getragen. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zur kirchlichen Prozessions- und Kreuzgangstracht umgewandelt und ist bis heute praktisch unverändert. Seit 2014 ist sie aus dem kirchlichen Kontext herausgelöst, damit wir sie auch an weltlichen Anlässen tragen können.
Die zweite unverkennbare Freiburger Tracht ist der viel getragene Bredzon mit seinem dunkelblauen, fein weiss gestreiften Zwilch, der durch seine Einfachheit hervorsticht. Anstelle der kurzärmligen Weste tragen die Herren in der kalten Winterzeit den braunen, schwarz gerandeten Lismer aus dicker, nicht entfetteter Schafwolle.
Die beiden Sprachgebiete und die beiden Konfessionen vierteilen also die völkerkundliche Karte des Kantons Freiburg, was wie gesagt in unseren Trachten stark zum Ausdruck kommt. Wenn auch die Kleider der Freiburgerinnen untereinander – und mit vielen andern – in den grossen Linien viel Gemeinsames aufweisen, so unterscheiden sie sich doch wesentlich in Einzelheiten und Zubehör.
Das Göller zum Beispiel ist Erbstück der Deutschsprechenden, seien sie nun katholisch oder reformiert. Das Halstuch ist den Welschen beider Konfessionen eigen. Die Latzschürze gehört zu den katholischen Trachten beider Sprachen, ausgenommen bei der Chränzlitracht. Die Schürze ohne Latz wird in beiden reformiert Gegenden getragen. Die Kopfbedeckungen sind in allen vier Regionen unterschiedlich. Im welschen Kantonsteil entwickelte sich bei den Frauen der Dzaquillon zu einer sehr beliebten und viel getragenen Tracht, welche farblich viele Variationen zulässt. Das Pendant im deutschen Kantonsteil ist die Sensler Werktagstracht.
Zur zeitlichen Entwicklung des Trachtenwesens: Lithographien und Gemälde aus dem 18. und 19. Jahrhundert zeugen von der schon damals vorherrschenden Trachtenvielfalt im Kanton. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden zusehends weniger Trachten getragen. Eine Gegenbewegung gab es dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach der Gründung der Schweizerischen Trachtenvereinigung 1926 entstand 1928 die Greyerzer Trachtenvereinigung und aus der heraus 1939 die Freiburgische Trachtenvereinigung. Noch heute tragen mehr als 50 Freiburger Vereine regelmässig eine Tracht.
Die Freiburgische Vereinigung für Tracht und Brauch hat auch Musikgesellschaften, Trychlergruppen, Les Barbus de la Gruyère (Hüter der Greyerzer Hirtenkultur), Chränzlitrachten und Les patoisants fribourgeois (Sprecher der freiburgischen Dialekte) als Kollektivmitglieder: Deren Mitglieder tragen eine anerkannte Tracht oder eine historische Uniform. So trägt die älteste Musikgesellschaft, 1798 in Düdingen gegründete, noch heute die Tracht.
Die Freiburger Trachten wurden wesentlich von den Nachbarkantonen beeinflusst. Bei deren Erneuerung wurden nachbarliche Trachtenmerkmale durch freiburgische Merkmale abgelöst. So ersetzte man zum Beispiel in Kerzers das Berner Kettengöller mit dem schwarzen Freiburger Schultertuch. In Murten wurde anstelle des Göllers die Freiburger Latzschürze aus schmal gestreiftem Seidentaft übernommen. Die welschen Trachten zeichnen sich oftmals durch die trägerlosen Latzschürzen und das grosse, vorwiegend weisse oder schwarze Schultertuch aus Seide oder Spitze aus.
In den 1970er- bis 1990er-Jahren wurden neue Trachtengruppen gegründet, vor allem in der Region Sense und See. Auch Kindertanzgruppen (Düdingen, Kerzers, Plaffeien) und die Jugendvolkstanzgruppe Sense entstanden in dieser Zeit. Mit der Gründung neuer Gruppen sind auch neue Trachten entstanden, gestützt auf alte Stiche und Überlieferungen (Senseflüeh 1982, Gurmels 1993, Volkstanzgruppe Freiburg 2002). Dazu gab es Neukreationen wie die historische Uniform (Ecuvillens-Posieux 2003) und der Jakillon (Trychlerinnen Vuisternens-devant-Romont 2017). Weitere Trachten, die noch aktiv von Gruppen getragen werden, sind Sonntagstracht Stadt Murten, Murtenbieter Ausgangstracht, Halbleinentracht Kerzers, Costume des "Anciennes Terres" Courtepin, Gilet de la Roche (Tricot), Bösinger Männertracht, Historische Festtagstracht Düdingen, Erneuerte Sensler Tracht (Landsknechtetracht) Tafers und Zipfelmützentracht Düdingen.
Die Erscheinung der Trachtenträgerinnen und Trachtenträger hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht gross verändert, ausser dass die Haarlängen je nach aktuellem Frisurentrend variieren. Dazu kamen mehr oder weniger sichtbare Tätowierungen. Im bäuerlichen Umfeld ist das Chüerkleid bei Jungen nach wie vor beliebt. Beim Tragen von Trachtenschuhen setzen wir bei Festumzügen vermehrt auf bequeme schwarze Schuhe, bei Bühnen- und Gruppen-Auftritten bleiben wir aber traditionell. Turnschuhe und dergleichen haben keinen Platz. Trägt jemand eine Sackuhr, muss er oder sie die Armbanduhr abnehmen. Farbige und poppige Armbanduhren sind verpönt. Eine korrekt und vollständig getragene Tracht darf mit Ehrfurcht und Stolz an jeglichen Anlässen getragen werden, und Frauenschmuck ist diesen vorbehalten. Einen Unterschied zwischen Ledigen und Verheirateten gibt es nur bei der Sensler Sonntagstracht und bei der Chränzlitracht.
Gérald Buchs, Plaffeien; Cyrill Renz, Cormagens; Esther Schwaller, Düdingen
Freiburg in Zahlen
Anzahl Trachten im Kanton: 31
davon Frauentrachten: 13
davon Männertrachten: 17
davon Kindertrachten: 1
Anzahl Trachtenregionen: 4
(I französisch-katholisch, II deutsch-katholisch, III deutsch-reformiert, IV französisch-reformiert)
Anzahl Trachtengruppen: 19
Anzahl Musikgesellschaften: 5
Anzahl Trychlergruppen: 2
Anzahl übrige Gruppen: 1
Kinder- & Jugendtanzgruppen: 4
Anzahl Verbände: 3 (Greyerz, Sense, Kantonalverband)
Verbände gegründet: 1928 Greyerzer Vereinigung für Tracht und Brauch
1939 Freiburgische Vereinigung für Tracht und Brauch
1942 Trachtenvereinigung des Sensebezirks
Internetseite: www.ffcc.ch
Trachtenliteratur über den Kanton Freiburg
- Marie-Thérèse Daniëls: «Freiburg - Die Volkstrachten des Kantons». Editions La Sarine Fribourg Suisse, 1981. 168 Seiten, auf Deutsch und Französisch
- Moritz Boschung: «Sensler Trachten». In "Deutschfreiburger Beiträge zur Heimatkunde", Band 59, 1993/94, 184 Seiten. Herausgegeben vom Deutschfreiburger Heimatkundeverein in Zusammenarbeit mit der Trachtenvereinigung des Sensebezirks.